„Das Unfall-Frühwarnsystem funktioniert nur mit gründlicher Ausbildung“

Berlin, 14. Mai 2009 – Der DVR unterstützt seit langem die Arbeit der Unfallkommissionen. Dr. Detlev Lipphard erklärt, wieso die Qualifizierung der Mitglieder so entscheidend ist – und wieso es sinnvoll sein kann, dass Fahrradfahrer früher grün an der Ampel bekommen.

Herr Dr. Lipphard, was macht einen guten Mitarbeiter einer Unfallkommission aus?
Zum einen muss ein guter Mitarbeiter über die notwendigen Fachkenntnisse verfügen. So kennt sich ein entsprechend geschulter Polizeibeamter hervorragend in der detaillierten Analyse der Unfälle aus. Der Mitarbeiter der Straßenverkehrsbehörde weiß als Profi genau, was bei der Anordnung der beschlossenen Verkehrszeichen alles zu beachten ist. Und der Vertreter der Baubehörde ist ein Experte in der Sicherstellung der Finanzierung von baulichen Maßnahmen.
Zum anderen müssen alle Mitglieder wissen und immer wieder in der Praxis erfahren, weshalb die Arbeit der Unfallkommission so wichtig ist. Schließlich geht es um nichts weniger als die Vermeidung zukünftiger oft schwerer Unfälle – eine gute Unfallkommission ist eine Art Frühwarnsystem, das aber nur mit Hilfe einer gründlichen Ausbildung der Mitarbeiter funktioniert. Das Wissen um bisherige Erfolge wirkt hier sehr motivierend.

Wie wird man Mitglied einer UK?
Meist erfolgt die Ernennung durch den vorgesetzten Amtsleiter. Deshalb ist es entscheidend, dass dieser den Stellenwert und den Aufgabenbereich der UK kennt. Sehr hilfreich ist es, wenn ein vertrauensvoller Kontakt zur UK besteht und der Vorgänger seine Erfahrungen weitergeben kann. Die Mitarbeit in der UK ist auf viele Jahre angelegt. Erfahrene Chefs versuchen deshalb, die Fluktuation in engen Grenzen zu halten.

Was muss ein künftiges UK-Mitglied als erstes lernen?

Am Anfang steht mittlerweile in fast allen Bundesländern eine spezielle mehrtägige Ausbildung, die von den Verkehrs- und Innenministerien angeboten wird. Die Zeiten, in denen neue Mitglieder ins „kalte Wasser geworfen wurden“, gehören hoffentlich überall der Vergangenheit an!
In diesen von erfahrenen Dozenten durchgeführten Qualifizierungsseminaren  geht es im Kern darum, den klaren Auftrag, definierte Unfallhäufungen durch verkehrsregelnde beziehungsweise bauliche Maßnahmen zu beseitigen, mit Leben zu füllen. Die einzelnen Erfahrungen der Polizei-, Straßenverkehrs- und Baubehörden werden hierzu gebündelt. Die UK versteht sich, wenn sie erfolgreich ist, als ein Team, in dem jeder über den eigenen Tellerrand hinausschaut. Leider gibt es noch immer viele Unfallkommissionen, in denen jeder zu sehr die eigenen Interessen im Fokus hat. Die Qualifizierungsoffensive der Länder der letzten zehn Jahre hat aber bereits viel bewirken können.

Werden die Mitglieder einer UK vor allem theoretisch geschult, oder gehen sie vor Ort – an eine Unfallhäufungsstelle etwa?
Zu einer guten Schulung gehören immer Theorie und Praxis in enger Verzahnung. Deshalb stehen reale Unfallhäufungen, die erfolgreich beseitigt werden konnten, im Zentrum der Ausbildung. Hierzu stehen deutschlandweit umfangreiche Seminarmaterialien zur Verfügung. Von daher ist eine zwar an sich sinnvolle, aber zeitintensive Besichtigung einer Häufungsstelle in der Regel nicht notwendig. Häufig werden auch mehrere Lösungsvarianten wie zum Beispiel der Umbau einer Kreuzung mittels eines Kreisplatzes oder die Installation von Verkehrsampeln in Abhängigkeit der Kosten von allen Seiten beleuchtet.

Welche Möglichkeiten haben UK-Mitglieder sich fortzubilden? Wie oft sollten sie ihr Wissen auffrischen?

Das Angebot von Fortbildungen in den Ländern ist sehr unterschiedlich. Selbstverständlich sollte, wo vorhanden, die Möglichkeit der Weiterbildung zu speziellen Themen in Anspruch genommen werden. Nicht zuletzt dienen diese Seminare dem Erfahrungsaustausch, in dem auch Informationen darüber gegeben werden, wie andere Unfallkommissionen Lösungen erarbeiten.
Die Erfahrung zeigt: Dort, wo diese Angebote bestehen und bekannt gemacht werden, sind Interesse und Nachfrage groß. Beispielsweise hat Hessen in letzter Zeit in zwei jeweils zweitägigen Fortbildungen viele Unfallkommissionsmitglieder fortbilden können. Ohne solche Angebote ist es hingegen sehr schwer, den Stand des Wissens zu halten und für neue Erkenntnisse offen zu sein.

Welches Ergebnis der Arbeit von Unfallkommissionen ist Ihnen als besonders überraschend in Erinnerung?

Besonders überraschend ist die Erkenntnis, dass manchmal auch kleine, schnell umgesetzte Maßnahmen eine große Wirkung erzielen können. So gelang es zum Beispiel einer UK, eine Kreuzung mit mehreren schweren Unfällen dadurch nachhaltig zu entschärfen, dass Autofahrer und Radfahrer nicht mehr gleichzeitig an einer Ampel grün bekamen, sondern die Radfahrer nun drei Sekunden früher losfahren können. Der Vorteil dieses sogenannten Vorlaufgrüns liegt darin, dass die Radfahrer nun frühzeitig deutlich zu sehen sind. Hierzu musste lediglich die Steuerungssoftware umprogrammiert werden. Vorausgegangen war allerdings eine gründliche Unfallauswertung, die als gemeinsames Unfallmerkmal die mangelhafte Sichtbarkeit der Radfahrer deutlich gemacht hat.

Dr. Detlev Lipphard ist Referent für Straßenverkehrstechnik beim Deutschen Verkehrssicherheit (DVR) und beschäftigt sich dort auch mit der Qualifizierung von Mitarbeitern in Unfallkommissionen (UK).

Einen Beschluss zum Thema „Unfallkommissionen“ des DVR-Vorstands finden Sie hier: www.dvr.de

Quelle: Runter vom Gas!

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