Im Blickpunkt

 

Rücksicht, Verständnis und Geduld – eine Ausnahme auf deutschen Straßen?

Deutsche empfinden Straßenverkehr als zunehmend aggressiv

Es wird wild gehupt, laut gebrüllt und der Stinkefinger gezückt. Manchmal kommt es sogar zu handgreiflichen Auseinandersetzungen. Sind Rücksicht, Verständnis und Geduld eine Ausnahme auf deutschen Straßen? Ist der Straßenverkehr zunehmend von aggressivem Verhalten geprägt, oder war das schon immer so? Über die Hälfte der Autofahrerinnen und Autofahrer (53 Prozent) ist der Meinung, dass der Straßenverkehr zunehmend von aggressivem Verhalten geprägt ist. Etwa ein Viertel (27 Prozent) ist der Auffassung, das sei schon immer so gewesen. Dies ergab eine repräsentative Befragung, die im Auftrag des DVR im Juni 2016 vom Marktforschungsinstitut Ipsos bei 2.000 Personen über 14 Jahren durchgeführt wurde. Demnach ist Aggression für acht von zehn Befragten ein prägendes Element im Straßenverkehr. Als Beispiele für aggressives Verhalten wurden am häufigsten zu schnelles Fahren genannt (73 Prozent), gefolgt von dichtem Auffahren/Drängeln (67 Prozent) und riskantem Überholen (65 Prozent). Aber auch Regelverstöße wie zum Beispiel die „Missachtung der Vorfahrt“ (53 Prozent) und „ungeduldiges Hupen“ (47 Prozent) stehen weit oben auf der Liste wahrgenommenen aggressiven Verhaltens. Neben Beschimpfungen und Drohgebärden, zum Beispiel eine geballte Faust oder der Stinkefinger (beide 32 Prozent), wurden auch bewusstes Schneiden (23 Prozent) und Ausbremsen (22 Prozent) genannt. Immerhin acht Prozent konnten über tätliche Angriffe berichten.

Dieses aggressive Verhalten im Straßenverkehr lasse sich besonders auf den zunehmenden Egoismus hinter dem Steuer zurückführen. „Die Verkehrswelt wird immer dichter, der Zeitdruck immer höher – beides begünstigt aggressives Verhalten“, erläutert DVR-Geschäftsführerin Ute Hammer.

UDV: Verkehrsklima 2016

Ähnlich sehen die Ergebnisse im Rahmen der repräsentativen Befragung „Verkehrsklima 2016“ der Unfallforschung der Versicherer (UDV) aus. Demnach ist jeder dritte Autofahrende in aggressiver Stimmung auf unseren Straßen unterwegs. Fast die Hälfte der Männer (44 Prozent) und mehr als ein Drittel der Frauen (39 Prozent) schätzt sich als „mindestens manchmal aggressiv“ ein. Spitzenwerte bis hin zu 58 Prozent gibt es bei den Mitte 20- bis Mitte 40-Jährigen. Der Leiter der UDV Siegfried Brockmann hält dieses Aggressionspotenzial für realistisch. „Allerdings machen sich die meisten Autofahrer den Stress selbst“, urteilt er. Überrascht hat ihn, dass gut verdienende Akademiker laut der Studie besonders rücksichtslos fahren. „Ich denke, es sind Menschen, die es gewohnt sind, sich durchzusetzen. Und die Straße als ein Revier sehen, in dem sie sich durchzusetzen haben.“

Weitere Ergebnisse der Verkehrsklima-Studie: Über die Hälfte der Autofahrenden (55 Prozent) gibt an, aggressives Verhalten im Straßenverkehr oft oder sehr oft wahrzunehmen. Fast alle Autofahrenden beobachten zu dichtes Einscheren vor anderen (98 Prozent), dichtes Auffahren auf das vordere Fahrzeug, um das Einscheren anderer zu verhindern (95 Prozent), und schnelles Vorbeifahren an einer Kolonne, um sich möglichst weit vorne einzuordnen (95 Prozent). Noch extremer sind die Aussagen zum rücksichtsvollen Überholen von Radfahrenden: 97 Prozent der Befragten gaben an, dass sie „besonders viel Rücksicht“ dabei nehmen, fast ebenso oft beobachten sie aber, wie Radfahrende zu dicht überholt werden. Auffällig ist, dass lediglich ein Viertel (etwa 20 Prozent) zugibt, zu diesen Verkehrsrowdys zu gehören. Aggressiv verhalten sich also immer nur andere. Hier gibt es also eine große Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung.

Eigene Regelverstöße wie das „Fahren unter Alkohol“ (77 Prozent) oder das „Überqueren einer roten Ampel“ (32 Prozent) werden von vielen Befragten als sehr unwahrscheinlich eingeschätzt. Die Autofahrenden haben zunehmend Angst, bei derartigen Regelverstößen erwischt zu werden. Die Regeln werden daher generell ernst genommen. Die gute Nachricht ist, dass die Strafen für solche Verhaltensweisen meist die Richtigen treffen; die schlechte Nachricht ist, dass diese auf deren Verhalten nur geringen Einfluss ausüben.

Sind Männer aggressiver als Frauen?

Grundsätzlich nehmen die befragten Frauen aggressives Verhalten auf deutschen Straßen stärker wahr als die befragten Männer. Interessant ist, dass sich beide – Frauen und Männer – im Straßenverkehr teilweise aggressiv zeigen: So „wehren“ sich Frauen häufiger als Männer gegenüber Dränglern durch kurzes Bremsen oder bei Überholvorgängen durch kurzes Beschleunigen. Dagegen zeigen Männer häufiger als Frauen aggressive Verhaltensweisen wie dichtes Auffahren, Drängeln oder Aufblinken. Fast die Hälfte der befragten Pkw-Fahrenden (47 Prozent) gab an, viel schneller zu fahren, wenn sie sich ärgern (Männer 42 Prozent, Frauen 52 Prozent). 18 Prozent fühlen sich richtig gut dabei, auf Landstraßen schnell zu fahren und möglichst viele Autos zu überholen (Männer 21 Prozent, Frauen 16 Prozent).

Viele Verkehrsteilnehmende beschreiben laut der UDV-Studie den Straßenverkehr insgesamt als stressig, aufreibend und chaotisch. Kein Wunder, denn im Vergleich zu früher besitzen heute viel mehr Personen einen Führerschein, weshalb auch viel mehr Fahrzeuge auf den Straßen unterwegs sind. 55,8 Millionen Kraftfahrzeuge waren 2015 zugelassen, 1953 waren es 4,8 Millionen. „Autofahrer versuchen, dem geringer werdenden Platz und dem damit verbundenen Stress durch aggressive Verhaltensweisen wie Drängeln und Überholen entgegenzuwirken. Gerade jetzt wäre es aber wichtig, innerlich locker zu bleiben und mit defensivem Fahren dazu beizutragen, dass nichts eskaliert“, erklärt Hammer.

Das zunehmende aggressive Verhalten zieht häufig schwerwiegende Konsequenzen nach sich. So wurden im Jahr 2015 insgesamt 2,5 Millionen Unfälle, und damit 4,6 Prozent mehr als im Jahr 2014, registriert. Bei jedem achten Unfall gab es Verletzte oder Getötete. Somit nahm auch die Zahl der Verletzten und Getöteten zu: Die Anzahl der Schwerverletzten (67.706) stieg um 1,2 Prozent, die Anzahl der Leichtverletzten (325.726) blieb konstant und die Anzahl der Getöteten (3.459) stieg – das zweite Jahr in Folge – dieses Mal um 2,4 Prozent.

Der DVR weist darauf hin, dass durch aggressives Verhalten zahlreiche, häufig auch schwere Unfälle verursacht werden. Anfällig für aggressives Fahren sind insbesondere Personen, die sich selbst für fehlerfrei halten, gerne mit anderen konkurrieren und glauben, andere erziehen zu müssen. Der DVR appelliert an alle Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer, auch in hektischen Situationen gelassen zu bleiben und sich nicht zu aggressiven Verhaltensweisen hinreißen zu lassen.

nach oben


 

Mehr Sicherheit im Stadtverkehr durch gute Verständigung
 

Auf einer Wohnstraße kommen sich zwei Autos entgegen und halten gleichzeitig vor einer Fahrbahnverengung. Wer fährt als erstes? Kein Problem, wenn einer der beiden Fahrenden mit einem Handzeichen signalisiert, dass er dem anderen den Vortritt lässt. Schon ist die Sache geklärt und der Verkehr fließt wieder. In vielen Situationen sind Verkehrsteilnehmende darauf angewiesen, sich zu verständigen. Freundlichkeit und klare Signale helfen dabei.

Die Möglichkeiten, im Straßenverkehr miteinander zu kommunizieren, sind begrenzt. Mit dem Blinker kann die Absicht zu einem Spurwechsel oder zum Abbiegen mitgeteilt werden. Wer mit dem Rad fährt, nutzt dazu das Handzeichen. Oft wird dieses Signal „vergessen“, sei es in der Hektik des dichten Verkehrs oder aus Bequemlichkeit. Dies kann zu gefährlichen Situationen führen, weil sich der nachfolgende Verkehr darauf einstellen muss, wenn jemand die Spur wechseln, abbiegen oder am Fahrbahnrand anhalten will. Auch wer in einen Kreisverkehr einfahren will, ist darauf angewiesen, dass die anderen rechtzeitig signalisieren, ob sie den Kreisverkehr verlassen oder ihm weiter folgen wollen.

Hupe und Lichthupe sind Gefahr- und Warnzeichen. Man kann sie immer dann einsetzen, wenn man sich gefährdet fühlt. Gehupt werden darf zum Beispiel dann, wenn jemand aus einer Parkbucht losfahren will und nicht gesehen hat, dass man sich mit seinem Fahrzeug von hinten nähert. Nicht eingesetzt werden darf die Hupe hingegen zur Begrüßung oder als Abschiedssignal. Der zweckentfremdete Einsatz der Hupe kann sogar mit einem Bußgeld belegt werden.

Generell ist es sinnvoll, im Straßenverkehr Blickkontakt aufzunehmen, ganz gleich, ob die Personen mit dem Auto, dem Rad oder zu Fuß unterwegs sind. Diese wissen dann, dass sie gesehen wurden und beachtet werden. Aber auch für einen selbst kann der Blickkontakt von Bedeutung sein, wenn man zum Beispiel mit dem Rad unterwegs ist und ein Fahrzeug abbiegen und den Radweg kreuzen will.

Leider werden im Straßenverkehr auch Gestik und Mimik zur Herabsetzung und Beleidigung benutzt, beispielsweise das Herausstrecken der Zunge, das Tippen an die Stirn, der „Scheibenwischer“ oder der hochgehaltene Mittelfinger. Solche Zeichen wirken aggressiv und vergiften das Klima im Straßenverkehr. Der DVR weist darauf hin, dass es sich dabei um Beleidigungen handelt, die ebenso wie verbale Beschimpfungen strafbar sind. So wurden zum Beispiel für den „Stinkefinger“ Geldstrafen von mehreren Tausend Euro verhängt.

Der DVR appelliert an alle Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer, auch in angespannten Situationen freundlich zu bleiben und sich partnerschaftlich und rücksichtsvoll zu verhalten. Wenn jemand mal etwas falsch gemacht hat, hilft ein Lächeln, und schon ist die Situation entspannt. Dann klappt es auch mit der Verständigung.

nach oben