Runter vom Gas auf Landstraßen

18. DVR-Forum „Sicherheit und Mobilität“

Bonn/Potsdam, 5. Juni 2012 (DVR) – Landstraßen sind schön, aber auch gefährlich. Täglich verlieren durchschnittlich sechs Menschen ihr Leben bei Landstraßenunfällen.

Wie kann die Gestaltung des Straßenraumes dazu beitragen, die Unfallzahlen zu senken? Welche Erkenntnisse liefern bereits durchgeführte Audits? Und welche Möglichkeiten gibt es, um die Verkehrsteilnehmer für die Gefahren auf Landstraßen zu sensibilisieren? Diesen und weiteren Fragen widmete sich gestern das 18. DVR-Forum „Sicherheit und Mobilität“ in Potsdam. Gemeinsam blickten der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) und der Automobil-Club Verkehr (ACV) auf die Arbeit der Sicherheitsaudits für Straßen und die künftigen Herausforderungen an die Verkehrssicherheitsarbeit auf Landstraßen.

Unter dem Titel „Brennpunkt Landstraße – Potenziale des Sicherheitsaudits und weiterer Maßnahmen“ diskutierten Experten aus Wissenschaft, Forschung und Verbänden aktuelle Entwicklungen und Möglichkeiten zur Reduzierung der Unfallgefahr auf Landstraßen.

„Mittlerweile gibt es ein breites Spektrum an Maßnahmen, das Unfallrisiko auf Landstraßen zu senken. Die Gestaltung des Straßenraumes bietet dabei große Chancen. Zum Beispiel gibt es seit inzwischen zehn Jahren Sicherheitsaudits in Deutschland“, sagte DVR-Präsident Dr. Walter Eichendorf. Auch das richtige Verhalten der Verkehrsteilnehmer habe großen Einfluss auf die Sicherheit der Landstraßen. „Deshalb sensibilisiert die Verkehrssicherheitskampagne ‚Runter vom Gas‘ des Bundesverkehrsministeriums und des DVR in diesem Jahr für die speziellen Gefahren auf Landstraßen und ruft die Verkehrsteilnehmer zu einer verantwortungsvollen Fahrweise auf“, erläuterte der DVR-Präsident.

ACV-Präsident Dr. Jochen Dobring bezeichnete die Sicherheit auf Landstraßen als wichtigen Beitrag zur Sicherheitsstrategie Vision Zero. Der ACV, der in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert, werde sich diesem Thema weiterhin widmen.

Über die Erfahrungen und Perspektiven nach zehn Jahren Sicherheitsaudit in Deutschland berichtete Professor Dr.-Ing. Ulrich Brannolte von der Bauhaus-Universität Weimar. Bereits 1999 sei eine Ad-hoc-Arbeitsgruppe „Sicherheitsaudit für Straßen“ (SAS) gegründet worden. Im Jahr 2002 wurden die ersten 14 Auditoren aus Brandenburg geschult.

Auf festgestellte Defizite nach durchgeführten Audits ging Professor Dr.-Ing. Andreas Bark von der Technischen Hochschule Mittelhessen ein. Er hatte beeindruckende Beispiele missglückter Straßengestaltung mitgebracht. „Leider sind diese Beispiele keine Einzelfälle“, stellte der Experte fest. In einer Studie für die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) seien bei 142 Maßnahmen 3.191 Defizite festgestellt worden. Der verdeckte Beginn einer Kurve, zu geringe Abstände zwischen Knotenpunkten, die schlechte Erkennbarkeit eines Kreisverkehrs, fehlende Lichtsignalanlagen sowie fehlende Ein- und Ausfahrstreifen oder falsche Standorte der Bepflanzung zählen mit zu den häufigsten Mängeln. Und selbstverständlich stelle der zu geringe Abstand der Bäume zum Fahrbahnrand eine große Unfallgefahr dar.
Bark forderte einen höheren Stellenwert der Verkehrssicherheit gegenüber dem Kostenargument und Umweltaspekten: „Sicherheitsaudits sind unverzichtbar. Sie sollten in allen Straßenbauverwaltungen, Landkreisen und Kommunen zum Standard werden.“ Die Kosten für Sicherheitsaudits seien im Vergleich zu den vermeidbaren Unfallkosten gering. Außerdem forderte Bark eine verbesserte Aus- und Fortbildung von Straßenbauern.

In der anschließenden von Thomas Spahn moderierten Podiumsdiskussion wurden Möglichkeiten der Unfallreduzierung erörtert. Dabei spielte das Thema nicht angepasste oder überhöhte Geschwindigkeit eine zentrale Rolle. Das Landstraßennetz sei insgesamt nicht auf 100 km/h ausgelegt. „Die Verkehrsteilnehmer halten sich auf Landstraßen nicht an die vorgeschriebenen Geschwindigkeiten“, fasste Jörg Ortlepp von der Unfallforschung der Versicherer (UDV) zusammen. Jeder vierte tödliche Unfall auf Landstraßen sei auf diese Ursache zurückzuführen. „Das Geschwindigkeitsniveau muss runter“, meinte auch Martin Mönnighoff von der Deutschen Hochschule der Polizei. Im europäischen Vergleich seien die Geschwindigkeiten auf unseren Außerortsstraßen deutlich zu hoch. Allerdings fehle dafür momentan die Unterstützung aus dem politischen Raum.

Natürlich kommt es in diesem Zusammenhang auch auf Kontrolle und Überwachung an. „Wir brauchen Maßnahmen, die weh tun, um mehr Verkehrssicherheit zu erreichen. Allein über Infrastrukturmaßnahmen können die Opferzahlen nicht reduziert werden“, sagte Gerd Lange vom Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft Brandenburg.
Doch selbst wenn mehr Polizisten im Einsatz wären, könne das Problem damit nicht gelöst werden, ergänzte Ortlepp. „Genau wie beim Alkoholverbot am Steuer, das gesellschaftlich mehrheitlich akzeptiert ist, muss in den Köpfen der Verkehrsteilnehmer verankert werden, dass zu schnelles Fahren kein Kavaliersdelikt ist“, erläuterte der Unfallforscher.

Das gelte selbstverständlich auch für die besonders gefährdete Gruppe der Motorradfahrer. Die Zahl der im Straßenverkehr getöteten Biker ist nach wie vor hoch: Sie ist 2011 im Vergleich zum Vorjahr um 11,2 Prozent auf 706 gestiegen. „Aber auch die schwerverletzten Opfer dürfen nicht vergessen werden, die ohne Beine und mit halbem Gehirn weiterleben müssen“, bekräftigte Helmut Nikolaus von der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV).

Fazit der Experten: Sichere Straßen und Fahrzeuge allein reichen nicht aus, die Verkehrssicherheit zu erhöhen und die Opferzahlen zu reduzieren. Die Geschwindigkeit auf Landstraßen muss gesenkt werden. Dafür ist eine höhere Kontrolldichte notwendig und damit einhergehend eine bessere finanzielle Ausstattung der Polizei. Darüber hinaus geht es um eine Öffentlichkeitsarbeit im Sinne einer Sicherheitskultur. Die bestehenden Regelwerke und Audits müssen konsequent angewendet und umgesetzt, die Aus- und Fortbildung der Straßenbauer verbessert werden. Ein Mix aus Prävention und Restriktion unter dem Motto „Runter vom Gas“ sei ein erfolgversprechender Weg im Sinne der Vision Zero – keiner kommt um, alle kommen an.



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