Analyse tödlicher Lkw-Unfälle

DVR-Förderpreis „Sicherheit im Straßenverkehr“ für junge Wissenschaftler

Berlin, 29. Mai 2013 (DVR) – Der Förderpreis „ Sicherheit im Straßenverkehr“ des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) wurde heute in der Berliner DVR-Geschäftsstelle vergeben. Die Auszeichnung umfasst drei Preisträger und ist mit insgesamt 7.500 Euro dotiert.

Den ersten Preis erhielt Antonio Kuna von der Hochschule für angewandte Wissenschaften in München. Im Fachbereich Fahrzeugtechnik/Unfallrekonstruktion untersuchte er tödliche Lkw-Unfälle. Kuna kategorisierte unterschiedliche Unfalltypen, Verletzungsarten und Todeskriterien ebenso wie straßenbauliche Klassifikationen. Untersucht wurden 57 tödliche Lkw-Unfälle in Bayern in den Jahren 2004 und 2005. Wichtigste Ergebnisse: Waren die Lkw-Fahrer Unfallverursacher, handelte es sich meist um Unfälle beim Abbiegen, Wenden und Rückwärtsfahren. Gravierend dabei war an erster Stelle die Fehleinschätzung des toten Winkels. Bei der Verursachung durch den Unfallgegner waren primär zu hohe Geschwindigkeit, falsches Verhalten von Fußgängern und schlechte Straßenverhältnisse Auslöser für den Unfall. Alkoholisierung bei mindestens einem Unfallbeteiligten war in 21 Prozent der Fälle gegeben.

Ausgehend von dieser Analyse konzipierte der Nachwuchswissenschaftler entsprechende Präventionsmaßnahmen. So schlägt er zum Schutz schwächerer Verkehrsteilnehmer Systeme vor, die den toten Winkel beseitigen. Auch Abbiegeassistenten wären in rund 60 Prozent der untersuchten Fälle in der Lage gewesen, vor allem das Überrollen von Fußgängern und Radfahrern beim Rechtsabbiegen zu verhindern. An technischen Lösungen werden Unterfahrschutzsysteme, an Lösungen zur Verbesserung der Infrastruktur insbesondere die Optimierung von Verkehrsknoten, die räumliche Trennung von Fahrbahnen, und Rüttelstreifen gegen das Abkommen von der Fahrbahn genannt. Auch eine verbesserte Fahrausbildung und Aufklärungsmaßnahmen für alle Verkehrsteilnehmer werden erwähnt.

Über den zweiten Platz freute sich Karel Bachmann, ebenfalls von der Hochschule für angewandte Wissenschaften in München, Fachbereich Fahrzeugtechnik/Unfallrekonstruktion. Die Arbeit untersucht auf der Basis von 97 tödlichen Fahrradunfällen in Bayern in den Jahren 2003 bis 2008 Faktoren, die an der Entstehung des Unfalls beteiligt waren sowie Eigenschaften der Unfallbeteiligten. Auffällig war der hohe Anteil von getöteten Senioren, die Vielzahl an Kopfverletzungen und die geringe Helmtragequote. Weitere Ergebnisse: Eine Vielzahl der untersuchten Unfälle ereignete sich in Kreuzungsbereichen, mit steigendem Lebensalter erhöhte sich die Zahl der Unfallverursacher und viele Unfälle passierten beim Rechtsabbiegen von Lkw, vor allem von Sattelzügen. Bedenklich ist, dass sowohl 20 Prozent der Getöteten als auch 20 Prozent der Kollisionsgegner unter meist starkem Alkoholeinfluss standen. Dieser Anteil war insbesondere bei den Alleinunfällen von Senioren mit 64 Prozent sehr hoch.

Als Maßnahmen zur Unfallvorbeugung schlägt Karel Bachmann mehr Radwege, optimierte Kreisverkehre, eine höhere Tragequote von Fahrradhelmen, nachgiebigere Scheibenrahmen, und die Entwicklung von Kreuzungsassistenzsystemen vor. Generell besteht bei den Assistenzsystemen noch Entwicklungsbedarf, da Fahrradfahrer noch nicht sicher erkannt werden. Interessant ist die Untersuchung von Unfällen mit Abbiegeassistenten: Diese funktionieren aktuell nur bei stehenden Lkw. Sie hätten ein deutlich höheres präventives Potenzial, wenn sie auch bei geringen Fahrgeschwindigkeiten reagieren würden.

Beide wissenschaftlichen Arbeiten wurden von Professor Hans Bäumler vom Bereich Fahrzeugtechnik/Unfallrekonstruktion und Dr. Wolfram Hell, Leiter der Abteilung Medizinisch Biomechanische Unfallanalyse des Instituts für Rechtsmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München, betreut. Dort ist auch die SicherheitsUnfallDatenbank (SUD) zur Analyse von Verkehrsunfällen mit Todesfolge angesiedelt.

Die dritte Preisträgerin, Marita Menzel von der Friedrich-Schiller-Universität Jena, hat in ihrer Arbeit im Fachbereich Psychologie das durch Müdigkeit bedingte Unfallrisiko von Lkw-Fahrern untersucht. Sie stellte in einer umfassenden Literaturanalyse fest, dass bis zu 40 Prozent der Lkw-Unfälle Müdigkeit als entscheidenden Einflussfaktor für das Unfallgeschehen aufweisen. Ursachen sind eine schlechte Schlafqualität, Nachtarbeit, Monotonie, lange Lenk- und Arbeitszeiten sowie krankheitsbedingter Schlafmangel. Was kann helfen? Marita Menzel spricht von verbesserter Parkraumbewirtschaftung und besser erkennbaren Fahrbahnmarkierungen. Darüber hinaus könnten elektronische Fahrerassistenzsysteme wie Abstandsregeltempomaten, Spurhalte– und Notbremsassistenten das Fahren erleichtern. Auch Systeme der Müdigkeitserkennung könnten den Lkw-Fahrer frühzeitig warnen. Schallgedämmte Fahrerkabinen würden zudem die Schlafqualität der Fahrer verbessern und eine optimierte Tourenplanung die Dauer der Arbeitszeiten reduzieren. Auch Kaffeekonsum und Kurzschlaf reduzierten die Müdigkeit der Fahrer.

Die Jury für den Förderpreis „Sicherheit im Straßenverkehr“ setzte sich aus Professor Dr. Rüdiger Trimpop von der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Dr. Torsten Kunz, Präventionsleiter der Unfallkasse Hessen, und Jochen Lau, Referatsleiter Unfallprävention – Wege und Dienstwege beim DVR, zusammen.

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