Wie können Motorradfahrer besser geschützt werden?

19. DVR-Forum „Sicherheit und Mobilität“

Bonn, 26. Juni 2013 (DVR) – Freiheit, Individualität, Spaß: Das sind nur einige Schlagworte, mit denen Biker ihre Faszination am Motorradfahren beschreiben. Doch das Fahren mit dem motorisierten Zweirad ist kein einfaches Unterfangen. Können, Erfahrung und passende Ausrüstung sind notwendig. Ein Motorrad hat weder eine Knautschzone noch einen Gurt. Motorrad fahren ist gefährlich, das beweist ein Blick in die Unfallstatistik: Das Risiko, mit dem Motorrad zu verunglücken, ist europaweit 18-mal höher als mit dem Pkw.

Das nach wie vor hohe Unfallrisko nahm der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) zum Anlass, auf dem 19. DVR-Forum „Sicherheit und Mobilität“ am 25. Juni 2013 in Mainz über Möglichkeiten zu diskutieren, die Motorradsicherheit zu erhöhen. Im Vordergrund standen das Zusammenspiel von Mensch, Fahrzeug- und Straßenverkehrstechnik sowie die Potenziale von Assistenzsystemen, Schutzkleidung und Infrastrukturmaßnahmen.

Unterstützt wurde das diesjährige DVR-Forum, das in die rheinland-pfälzische Verkehrssicherheitswoche eingebettet war, vom ADAC und von DEKRA.

Empfehlung für Sicherheitstrainings

„Die körperliche Belastung beim Motorradfahren ist viel höher als beim Autofahren. Als Motorradfahrer ist es deshalb enorm wichtig, gesund und fit zu sein. Vor einer Fahrt sollte man seinen physischen Zustand stets kritisch hinterfragen“, sagte DVR-Vizepräsident Dr. Hans-Joachim Wolff zur Begrüßung der rund 60 Gäste. Motorrad fahren erfordere zudem viel Wissen, Können und Erfahrung. Eine Teilnahme an einem Sicherheitstraining nach DVR-Richtlinien sei deshalb „dringend zu empfehlen“. Es biete eine gute Möglichkeit, in Theorie und Praxis mehr über die eigene Maschine zu erfahren. „Neben Trainings auf dem Platz werden auch solche im Realverkehr auf der Straße angeboten. Auch für Wiedereinsteiger gibt es speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Trainings. Ihnen wird zum Beispiel die Möglichkeit geboten, während eines Trainings verschiedene Maschinen zu testen, um das Motorrad zu finden, das zu den eigenen Gewohnheiten passt und den eigenen Fähigkeiten angemessen ist“, plädierte der DVR-Vizepräsident für eine gute Vorbereitung von Fahrer und Maschine.

Technische Schutzmaßnahmen

Frank Leimbach, Bereichsleiter Technology Center DEKRA, und selbst begeisterter Biker, ging auf aktive und passive Schutzsysteme für Mensch und Maschine ein. Mit Blick auf das hohe Beschleunigungsvermögen von Motorrädern sei ABS ein sehr wichtiger Faktor, die Unfallrisiken zu reduzieren. Aber auch Airbag-Systeme könnten den Fahrer bei einem Unfall besser schützen. Darüber hinaus sollten Motorradfahrer auf kontrastreiche Kleidung achten und immer vorausschauend unterwegs sein.

Weitere elektronische Fahrerassistenzsysteme für Motorräder stellte Felix Deissinger von BMW Motorrad vor. Im Rahmen des Sicherheitskonzepts „Sicherheit 360°“ präsentierte er zum Beispiel einen kamerabasierten Kollisionswarner, der helfen soll, die vorwiegend von Pkw-Fahrern verursachten Abbiegeunfälle zu vermeiden. Bei diesen Kollisionsunfällen werden die entgegenkommenden Motorradfahrer oftmals übersehen.

Einen Überblick über straßenbautechnische Maßnahmen zur Erhöhung der Motorradsicherheit gab Heinrich Bergerbusch vom Landesbetrieb Straßenbau Nordrhein-Westfalen. Mit eindrucksvollen Bildern zeigte er, welche straßenbaulichen Maßnahmen möglich sind, Motorradfahrer besser zu schützen. Ein wirksames Mittel sei der Unterfahrschutz, der bereits auf 60 Kilometern des nordrhein-westfälischen Straßennetzes angebracht sei. Hier habe sich das „Euskirchener Modell“ als nachrüstbares Schutzplankensystem bewährt. Aber auch Rüttelstreifen seien eine effektive Methode, Unfälle zu vermeiden. Von Geschwindigkeitsbeschränkungen speziell für Motorradfahrer hält Bergerbusch hingegen nichts. Durch die hohen Differenzgeschwindigkeiten seien die Biker besonders gefährdet. Immer wieder komme es vor, dass ein deutlich schnellerer Pkw auf das langsamer fahrende Motorrad auffährt.

Motorrad eCall

Ein eCall-System speziell für Motorräder präsentierte Manolito Leyeza von der Björn Steiger Stiftung. Motorradfahrer sind häufig allein unterwegs und in Gefahr, nach einem Unfall mit schwersten Verletzungen unentdeckt am Straßenrand zurückzubleiben. Dann zählt jede Sekunde. Die Björn Steiger Stiftung hat deshalb gemeinsam mit Projektpartnern, dem Motorradhelm-Hersteller Schuberth GmbH, der Deutschen Telekom und der Bosch Sicherheitssysteme GmbH den ersten eCall (emergency call) für Motorradfahrer in Europa entwickelt. Damit können verunglückte Motorradfahrer durch eine automatische Notrufauslösung und Lokalisierung über GPS schneller ärztlich versorgt werden.

Motorradfahrer für ihre Risiken sensibilisieren

In der anschließenden von Michael Pfeiffer, Chefredakteur der Zeitschrift „Motorrad“, moderierten Podiumsdiskussion machten die Experten deutlich, dass bei der Frage, wie die Sicherheit für Motorradfahrer erhöht werden kann, gegenseitige Schuldzuweisungen von Auto- und Motorradfahrern nicht weiterhelfen. „Aus vielen Gesprächen weiß ich, dass sich 99 Prozent der Motorradfahrer weder als Opfer noch als Täter, sondern als Verkehrsteilnehmer sehen“, sagte Dr. Achim Kuschefski, Leiter des Instituts für Zweiradsicherheit (ifz). Motorradfahrer müssten noch stärker für ihre eigenen Risiken sensibilisiert werden, forderte Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV). „Sie haben nun mal eine andere Gefährdungslage als Autofahrer und müssen ihre eigene Verantwortung begreifen“, stellte der Unfallforscher fest. Dies belege auch die Unfallstatistik: 40 Prozent der verunglückten Motorradfahrer werden bei sogenannten Alleinunfällen tödlich oder schwer verletzt.
Auch Rolf „Hilton“ Frieling von der Biker Union unterstrich die gemeinsame Verantwortung von Pkw- und Motorradfahrern für die Verkehrssicherheit: „Bei den Autofahrern muss das Erkennen gefährlicher Situationen und der Blick für die Biker geschärft werden.“
Für die konsequente Ahndung von Verkehrsverstößen sprach sich Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, aus. Die Verwarngelder sollten eins zu eins in Maßnahmen zur Erhöhung der Verkehrssicherheit fließen.

In seinem Schlusswort betonte Ulrich Klaus Becker, ADAC-Vizepräsident Verkehr, dass es auch künftig für alle Beteiligten darauf ankomme, weiterhin alles zu unternehmen, die Gruppe der Motorradfahrer besser zu schützen. Mit Blick auf das Unfallgeschehen sei weitere Ursachenforschung notwendig, um daraus weitere Verbesserungen für Mensch, Maschine und Straße abzuleiten.



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