Motorrad fahren: Reiz mit hohem Risiko

Parlamentarischer Abend von DVR und DVW

Berlin, 26. Februar 2016 – Freiheit, Individualität, Spaß: Das sind nur einige Schlagworte, mit denen Biker ihre Faszination am Motorradfahren beschreiben. Doch das Fahren mit dem motorisierten Zweirad weist ein hohes Unfallrisiko auf. Können, Erfahrung und passende Ausrüstung sind notwendig. Dennoch: Ein Motorrad hat weder eine Knautschzone noch einen Gurt. Motorrad fahren ist gefährlich, das beweist ein Blick in die Unfallstatistik: Jeder sechste im Straßenverkehr tödlich Verunglückte (17,1 Prozent) und fast jeder siebte Schwerverletzte (14,7 Prozent) war im Jahr 2014 ein Motorradfahrer. Das bestandsbezogene Risiko, auf einem Motorrad getötet zu werden, war im Jahr 2014 mehr als viermal so hoch wie im Auto. Insgesamt sind 587 Biker ums Leben gekommen.

Die nach wie vor alarmierenden Unfallzahlen nahmen der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) und die Deutsche Verkehrswacht (DVW) zum Anlass, im Rahmen eines Parlamentarischen Abends am 25. Februar 2016 in der Landesvertretung Thüringen in Berlin über Möglichkeiten zu diskutieren, die Motorradsicherheit zu erhöhen. Im Vordergrund standen das Zusammenspiel von Mensch, Fahrzeug- und Straßenverkehrstechnik.

Anstieg der Getöteten

DVW-Präsident Professor Kurt Bodewig beklagte in seiner Begrüßung den erneuten Anstieg der Todesopfer im Straßenverkehr. Nach den gestern veröffentlichten vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) sind im vergangenen Jahr 3.475 Menschen im Straßenverkehr ums Leben gekommen. Das sind 98 Todesopfer mehr als im Vorjahr. „Das ist eine Entwicklung, die uns berührt und Ängste auslöst. Wir müssen diesen Trend umkehren“, sagte Bodewig. Im Sinne der Sicherheitsstrategie Vision Zero müsse auch die Motorradsicherheit im Blick behalten werden. So forderte der DVW-Präsident eine bessere Umsetzung der Hinweise des Merkblattes zur Verbesserung der Verkehrssicherheit auf Motorradstrecken (MVMot) in den Bundesländern.

Gastgeber Dr. Klaus Sühl, Staatssekretär im Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft, informierte über die Bemühungen in seinem Bundesland, das viele beliebte Motorradstrecken aufweist, die Sicherheit für Biker zu erhöhen. Trotz aller Anstrengungen: 21 getötete Motorradfahrer stehen für das Jahr 2014 in Thüringen zu Buche.

Motorradfahrer für Risiken sensibilisieren

Besorgt über den bundesweiten Anstieg der getöteten Motorradfahrer zeigte sich auch die Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, Dorothee Bär. Der Motorradverkehr sei von besonderen Risiken geprägt. Sie beschrieb die zahlreichen Projekte und Maßnahmen des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI), die für die besonderen Risiken des Motorradfahrens sensibilisieren. „Mit Schauspieler Hannes Jaenicke konnten wir im Rahmen der bundesweiten Verkehrssicherheitskampagne ‚Runter vom Gas‘ einen prominenten Unterstützer gewinnen, der in mehreren Filmen erläutert, worauf es beim sicheren Fahren mit dem Motorrad ankommt“, erläuterte Bär. In diesem Zusammenhang erwähnte die Staatssekretärin, wie wichtig Sicherheitstrainings seien.

„Insgesamt sind weiterhin große Anstrengungen notwendig, um das im Verkehrssicherheitsprogramm des Bundes festgeschriebene Ziel, die Zahl der Getöteten im Straßenverkehr bis 2020 um 40 Prozent zu reduzieren, zu erreichen“, machte Bär deutlich. Das Thema Verkehrssicherheit spiele im BMVI eine zentrale Rolle.

Sicherheitstrainings sind notwendig

In der anschließenden von Marco Seiffert (Rundfunk Berlin-Brandenburg) moderierten Podiumsdiskussion machten die Experten deutlich, dass bei der Frage, wie die Sicherheit für Motorradfahrer erhöht werden kann, gegenseitige Schuldzuweisungen von Auto- und Motorradfahrern nicht weiterhelfen. „Motorradfahrer müssen noch stärker für ihre eigenen Risiken sensibilisiert werden“, forderte Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV). Rund 69 Prozent aller tödlichen Motorradunfälle seien von den zumeist männlichen Motorradfahrern selbst verschuldet.

Auch Rolf „Hilton“ Frieling von der Biker Union unterstrich die Verantwortung der eigenen Klientel für die Verkehrssicherheit: „Für einige Motorradfahrer scheint der Grundsatz zu gelten: Wer den Zündschlüssel dreht, schaltet das eigene Gehirn aus.“ Selbstverständlich müssten solche auffälligen Fahrer bestraft und „zu Fußgängern“ gemacht werden. „Die meisten fahren aber vorausschauend, allein um nicht die eigene Gesundheit aufs Spiel zu setzen“, stellte der Experte klar. Diese Auffassung unterstützte auch Verkehrspädagoge Wolfgang Stern: „Niemand möchte einen Unfall verursachen.“ Ein Problem sei aber mangelnde Fahrpraxis und die fehlende Beherrschung der Maschine, zum Beispiel in engen Kurven. „Das muss trainiert werden“, forderte Stern. Das gelte ebenfalls für das richtige Bremsen mit ABS.

Reiner Brendicke, Hauptgeschäftsführer des Industrieverbands Motorrad, wies darauf hin, dass der DVR gemeinsam mit der Europäischen Vereinigung der Motorrad-Hersteller (ACEM – European Association of Motorcycle Manufacturers) ein neues Qualitätssiegel ins Leben gerufen habe. „Mit diesem Qualitätssiegel können Motorradfahrer hochwertige Schulungsprogramme und Trainings klar und einfach identifizieren, und zwar europaweit“, erläuterte er.

Neben dem Verhalten der Fahrer und der technischen Ausstattung der Maschinen spielt natürlich auch die Infrastruktur eine wichtige Rolle. Benjamin Schulz von der Unfallkommission Erzgebirgskreis erläuterte, wie es gelungen sei, eine unfallauffällige Strecke, auf der es immer wieder zu Alleinunfällen mit schwerverletzten Motorradfahrern gekommen sei, mit Rüttelstreifen zu versehen und damit zu entschärfen. Seit der Umsetzung der Maßnahme 2013 habe es dort keinen Motorradunfall mehr gegeben.

In seinem Schlusswort betonte DVR-Präsident Dr. Walter Eichendorf, dass es auch künftig für alle Beteiligten darauf ankomme, weiterhin alles zu unternehmen, die Gruppe der Motorradfahrer besser zu schützen. „Motorrad fahren hat etwas sehr Emotionales und zählt zu den schönsten Arten der Fortbewegung. Aber es ist ein Reiz mit hohem Risiko, für den ein hoher Blutzoll entrichtet wird.“ Mit Blick auf das Unfallgeschehen sei weitere Ursachenforschung notwendig, um daraus Verbesserungen für Mensch, Maschine und Straße abzuleiten.

„Wir haben heute über eine Gruppe gesprochen, bei der die Opferzahlen gestiegen sind. Das ist aber leider nicht die einzige. Die aktuellen Unfallzahlen zeigen: der erste Anstieg bei den Getöteten zwei Jahre in Folge seit der Wiedervereinigung – das muss uns allen ein Alarmsignal sein. Deswegen kann ich zum Abschluss nur an alle Akteure appellieren: Wir können uns nicht zurücklehnen und darauf warten, dass die Zahlen schon wieder irgendwie besser werden. Wir müssen alle unsere Möglichkeiten nutzen, um das menschliche Leid, das mit Verkehrsunfällen verbunden ist, weiter zu verringern – das ist der Leitauftrag unserer Vision Zero“, sagte Dr. Eichendorf abschließend.

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