„Wichtig ist eine realistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten!“

Leser-Telefon-Aktion zur sicheren Teilnahme älterer Menschen am Straßenverkehr

Bonn, 17. September 2009 (DVR) - Immer wieder machen Senioren Schlagzeilen, die schlimme Verkehrsunfälle verschulden. Und immer wieder taucht die Frage auf, wie lange ein Mensch überhaupt Auto fahren kann, ohne für sich und andere zur Gefahr zu werden. Auch bei unserer vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung unterstützten Telefonaktion drehte sich diesmal alles ums Thema „sicher mobil“ im Alter. Die Experten des Deutschen Verkehrssicherheitsrats e.V. (DVR) beantworteten unseren Leserinnen und Lesern alle Fragen zur sicheren Teilnahme am Straßenverkehr. An dieser Stelle die wichtigsten Fragen und Antworten zum Nachlesen:

Ich bin 70 Jahre alt und immer noch viel mit dem Auto unterwegs. Sollte ich meine Fahreignung von einem Arzt überprüfen lassen?

Prof. Dr. Bernhard Schlag, Leiter der Professur für Verkehrspsychologie an der TU Dresden: Der Prozess des Älterwerdens ist untrennbar mit körperlichen und geistigen Funktionseinbußen verbunden, die auch die Fahreignung beeinträchtigen können. Da Alterungsprozesse individuell sehr verschieden ablaufen, ist es wichtig, dass ältere Fahrer eine selbstkritische Haltung einnehmen, um zu einer realistischen Einschätzung der eigenen Fähigkeiten zu gelangen. Regelmäßige Überprüfungen der Sehfähigkeiten sowie der allgemeinen körperlichen und geistigen Fitness sind für Menschen über 65 daher absolut zu empfehlen!

Sind ältere Fahrer schlechtere Fahrer?

Michael Heißing, Referent für Verkehrspsychologie und Verkehrsmedizin bei der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt): Nein, denn die Mehrheit der älteren Fahrer ist durchaus in der Lage, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und das eigene Fahrverhalten an diese anzupassen: also beispielsweise auf Nacht- und Überlandfahrten oder Fahrten in unbekannten Gebieten zu verzichten. Durch diese Kompensation werden viele kritische Momente im Straßenverkehr vermieden.

Ist mein Alter allein ein Grund, weshalb mir der Führerschein abgenommen werden kann?

Prof. Schlag: Nein, natürlich nicht! Ihr Führerschein steht nur dann auf dem Spiel, wenn Sie im Straßenverkehr auffällig geworden sind: zum Beispiel wiederholt wegen Geschwindig-keitsübertretungen angehalten wurden, viele Punkte in Flensburg haben oder mit Alkohol am Steuer erwischt wurden. In seltenen Fällen kann auch eine Erkrankung wie Epilepsie oder Parkinson ein Grund sein, die Fahrerlaubnis infrage zu stellen. Das muss jedoch ein Arzt entscheiden.

Kann der Hausarzt meine Fahreignung überprüfen?

M. Heißing: Ihr Hausarzt kann auch in punkto Fahreignung der erste Ansprechpartner sein. Sprechen Sie ihn bei Ihrem nächsten Besuch auf das Thema an! Er kennt Ihre medizinische Vorgeschichte, weiß ob bestimmte Erkrankungen vorliegen und ob Sie Medikamente nehmen, die sich auf Ihre Sicherheit im Straßenverkehr auswirken könnten. Ihre Sehfähigkeit sollten Sie regelmäßig von einem Augenarzt abklären lassen. Ich kann Ihnen auch empfehlen, eine Fahrstunde mit anschließender Beratung zu nehmen, wenn Sie sich im Hinblick auf Ihre Leistungsfähigkeit am Steuer unsicher sind.

Was ist, wenn die Untersuchung beim Hausarzt ergibt, dass ich nicht mehr fahren sollte – verliere ich dann meinen Führerschein?

Ralf Sanner, Generalsekretär des Automobil-Clubs Verkehr (ACV): Die Ergebnisse der Untersuchung sind vertraulich und der Führerschein kann Ihnen aufgrund der Testergebnisse nicht entzogen werden. Gefragt sind vielmehr Ihre Selbstdisziplin und eine sachgerechte eigene Beurteilung. Sollten Sie sich trotz erwiesener und bekannter mangelnder Fahreignung ans Steuer setzen, begehen Sie eine Ordnungswidrigkeit oder im Einzelfall sogar einen Straftatbestand. Um sich und andere Verkehrsteilnehmer zu schützen, sollten Sie in diesem Fall unbedingt auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen.

Gibt es in Deutschland ab einem gewissen Alter verpflichtende Untersuchungen auf die Fahreignung oder sind diese für die Zukunft geplant?

R. Sanner: Nein, in Deutschland gibt es, im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern, keine verpflichtenden Untersuchungen für ältere Fahrer. Es ist auch nicht geplant, diese einzuführen.

Ich bin der Meinung, dass mein Schwiegervater nicht mehr Auto fahren sollte. Er selbst sieht das allerdings nicht ein, was kann ich tun?

Burkhard Gerkens, Referent Ältere Verkehrsteilnehmer beim DVR: Es ist sehr schwierig, diese Frage im Familienkreis zu diskutieren. Besser ist es, wenn Sie Ihren Schwiegervater davon überzeugen könnten, einen erfahrenen Fahrlehrer aufzusuchen, der als neutrale Person seine Einschätzung der Situation abgeben kann. Sie können es auch mit sachlichen Argumenten versuchen: Machen Sie Ihrem Schwiegervater klar, dass Taxifahrten unter Umständen kostengünstiger sind, als der Unterhalt eines eigenen Autos. Sollte Ihr Schwiegervater im Straßenverkehr auffällig werden, kann die Fahrerlaubnisbehörde ihm die Fahrerlaubnis entziehen.

Mein Augenarzt hat eine erhöhte Blendempfindlichkeit festgestellt. Kann ich mich trotzdem guten Gewissens ans Steuer setzen?

B. Gerkens: Wenn Sie unter einer erhöhten Blendempfindlichkeit leiden, sollten Sie nur noch bei Tageslicht fahren und Nachtfahrten meiden.

Gibt es seniorengerechte Fahrerassistenzsysteme?

B. Gerkens: Es gibt eine ganze Reihe von Fahrerassistenzsystemen, die ältere Fahrer unterstützen können. Überlegen Sie, in welchem Bereich Sie Probleme haben und erkundigen Sie sich bei Ihrem Autohändler, ob es ein geeignetes Assistenzsystem gibt. Sie können beispielsweise eine Einparkhilfe oder ein Navigationssystem nutzen. Es gibt auch Nachtsichtassistenten, die Fahrten bei Dunkelheit erleichtern. Ein so genannter Abstandsregler (ACC - Adaptive Cruise Control) passt die Geschwindigkeit automatisch dem Verkehrsfluss an und wahrt den Sicherheitsabstand.

Ich bin 65 und möchte mir ein „seniorengerechtes“ Auto kaufen. Worauf sollte ich achten?

Prof. Schlag: Ihr neues Auto sollte komfortabel sein, so dass Sie leicht ein- und aussteigen können, gut sitzen und ein problemloses Be- und Entladen möglich ist. Eine Servolenkung erleichtert das Ein- und Ausparken. Außerdem sind gute Sichtbedingungen wichtig: Prüfen Sie, ob eine gute Rundumsicht möglich ist und verzichten Sie auf getönte Scheiben. Und nicht zuletzt sollten Sie auf die Sicherheit achten: Gibt es Front- und Seitenairbags, sind  Sicherheitsgurte und Kopfstütze höhenverstellbar? Ein Auto, das alle diese Punkte erfüllt, ist ein geeignetes Fahrzeug für ältere Fahrer.

Welche typischen Alterskrankheiten können die Fahreignung beeinflussen?

M. Heißing: Grundsätzlich gilt: Bei akuten Erkrankungen wie einer Grippe sollte das Auto immer stehen bleiben. Leiden Sie an einer chronischen Krankheit oder müssen Sie dauerhaft Medikamente einnehmen, so sollten Sie das Thema Fahreignung unbedingt mit Ihrem Arzt besprechen. Eine ganze Reihe von Erkrankungen oder aber deren Medikation hat erhebliche Einflüsse auf die Fahreignung. Dazu zählen beispielsweise Diabetes, Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Rheumatismus oder Parkinson.

Ich bin 75 und habe mich von meinem Auto verabschiedet. Jetzt bin ich hauptsächlich zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs. Was sollte ich beachten?

B. Gerkens: Ältere Menschen sind als Fußgänger oder Radfahrer im Straßenverkehr besonders gefährdet. Sind Sie zu Fuß unterwegs, sollten Sie beim Überqueren einer Straße auf sichere Fußgängerüberwege wie Fußgängerampeln, Zebrastreifen oder Straßen mit Mittelinseln achten. Als Radfahrer sollten Sie unbedingt einen Schutzhelm tragen, nach Möglichkeit Radwege nutzen, auf einen sicheren Richtungswechsel beim Linksabbiegen achten und auf ein Dreirad umsteigen, wenn Sie Gleichgewichtsprobleme bemerken.



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jpg Tipps für ältere Verkehrsteilnehmer: Prof. Bernhard Schlag und Ralf Sanner (CMYK-Format für Druck)

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