„Wer sich am Steuer nicht mehr fit und sicher fühlt, sollte den Umstieg planen!“

Expertentipps für ältere Verkehrsteilnehmer

Bonn, 24. Oktober 2013 (DVR) – Die individuelle Fahrfitness ist keine Frage des Alters, sondern der Gesundheit. Aber: Viele gesundheitliche Beeinträchtigungen stellen sich mit dem Alter ein – und das meist schleichend. Was hilft Senioren, die eigene Fahrtüchtigkeit realistisch einzuschätzen? Lässt sich die Fahrfitness im Alter trainieren? Was gilt es im Falle chronischer Erkrankungen und der Einnahme von Medikamenten zu beachten? Und wann ist es Zeit, auf andere Verkehrsmittel umzusteigen? Die Experten einer Leser-Telefon-Aktion des DVR wussten guten Rat. Hier das Wichtigste zum Nachlesen:

Ab welchem Alter sind freiwillige Gesundheitschecks ratsam?
Burkhard Gerkens: Wir raten ab dem Alter von 40 Jahren zu einem jährlichen Sehtest, ab 60 sollte der Ohrenarzt alle zwei Jahre die Hörfähigkeit überprüfen. Ab diesem Alter sind auch regelmäßige Checks von Aufmerksamkeit und Reaktionsgeschwindigkeit ratsam. Leidet ein Fahrer an chronischen Krankheiten, sollte ganz unabhängig vom Alter abgeklärt werden, ob die Erkrankung oder die eingenommenen Medikamente die Fahreignung einschränken.

Wer bietet Untersuchungen zur Fahrtüchtigkeit an – der Hausarzt?
Burkhard Gerkens: Zum einen sind das Verkehrsmediziner, zum anderen die „Begutachtungsstellen für Fahreignung“, wie beispielsweise DEKRA oder der TÜV.

Ist mein Führerschein weg, wenn ich bei der Prüfung schlecht abschneide?
Burkhard Gerkens: Nein, alle Untersuchungsergebnisse sind vertraulich und sollen das auch bleiben. Wenn der Fachmann rät, künftig auf das Fahren zu verzichten, sollten Sie diesen Rat jedoch unbedingt beherzigen – ehe Sie sich selbst oder andere gefährden.

Ich bin der Meinung, dass mein Vater besser nicht mehr Auto fahren sollte. Wie spreche ich das Thema am besten an?
Dr. Hardy Holte: Ein konkreter Anlass bietet immer einen guten Einstieg ins Thema. Besucht Ihr Vater Sie beispielsweise mit dem Auto, erkundigen Sie sich nach der Fahrt, ob er sich gut gefühlt hat – oder ob es Probleme gab. Fragen Sie vielleicht auch Ihre Mutter, wie Sie die Fahrt als Beifahrerin erlebt hat. Das offene Gespräch ist ein erster Schritt, Verantwortung für die älter werdenden Eltern zu übernehmen. Dieser Rollentausch kann zu Beginn für beide Seiten ungewohnt und auch unangenehm sein. Bieten Sie konkret Unterstützung und Hilfe an, nimmt Ihr Vater diese aber vielleicht dankbar an.

Ich fühle mich in manchen Fahrsituationen überfordert, ganz aufs Autofahren verzichten will ich aber noch nicht...
Tatjana Contzen: Viele ältere Fahrer sind in unübersichtlichen Verkehrssituationen überfordert: links abbiegen, Fahrspurwechsel oder das Einfädeln auf der Autobahn. Fahrschulen bieten Auffrischungsstunden für ältere Fahrer an, in denen kritische Situationen im Realverkehr geübt oder auch Alternativstrecken aufgezeigt werden. Sinnvoll ist auch, Nachtfahrten oder unbekannte Strecken zu meiden, wenn Sie sich hier nicht wohl fühlen. Weitere Angebote speziell für ältere Verkehrsteilnehmer sind die „sicher und mobil“-Veranstaltungen des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) sowie gezielte Fahrsicherheitstrainings für Senioren.

Wer bietet Fahrsicherheitstrainings für ältere Fahrer an?
Tatjana Contzen: Der ADAC und die Verkehrswachten bieten bundesweit ein breites Angebot an Fahrsicherheitstrainings. Das Sicherheitstraining für ältere Fahrer ist speziell auf diese Zielgruppe zugeschnitten und weicht von allgemeinen Fahrsicherheitstrainings ab.

Welche Erkrankungen und Medikamente sind besonders kritisch in punkto Auto fahren?
Dr. Hardy Holte: Unter den Medikamenten beeinträchtigen starke Schmerz- oder Beruhigungsmittel in besonderem Maße die Fahrtüchtigkeit. Der Beipackzettel sollte immer auch im Hinblick auf diesen Aspekt aufmerksam gelesen werden. Kritisch ist häufig die gleichzeitige Einnahme unterschiedlicher Medikamente – hier kann es zu Wechselwirkungen kommen. In diesem Fall sollten Sie mit Ihrem Hausarzt über das Thema Auto fahren sprechen. Bei den chronischen Krankheiten sind vor allem Diabetes, wegen des Risikos von Unterzuckerungen, sowie neurologische Erkrankungen, wie Parkinson oder Demenz, zu nennen.

Wann ist es Zeit, auf andere Verkehrsmittel umzusteigen?
Dr. Hardy Holte: Jeder, der sich am Steuer nicht mehr sicher und fit fühlt, sollte das Thema aktiv angehen. Am Anfang kann die Beratung und gründliche Untersuchung beim Hausarzt stehen, der Sie gegebenenfalls an weitere Experten verweisen kann. Wir machen die Erfahrung, dass Menschen, die diesen Schritt rechtzeitig und von sich aus tun, die neue Phase der Mobilität eigenständiger und positiver für sich gestalten. Aus Sicht der Unfallforschung erhöht sich die Unfallgefahr insbesondere in der Gruppe der Wenigfahrer ab einem Alter von 75 Jahren.

Welche Unterstützungsangebote halten die Kommunen für Senioren bereit, die nicht mehr Auto fahren können?
Burkhard Gerkens: Leider noch viel zu wenige. Was alle Kommunen anbieten, sind kostenfreie Informations-Veranstaltungen über die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel. In seltenen Fällen erhalten ältere Menschen, die aufs Auto verzichten, Freifahrtscheine für den öffentlichen Nahverkehr – meist erhalten sie verbilligte Tickets. Grundsätzlich bleibt es aber in der Verantwortung des Einzelnen, sich beizeiten Gedanken über Alternativen zum eigenen Auto zu machen.

„Erfahrungen anderer Länder zeigen: Pflichtuntersuchungen haben keinen positiven Effekt für die Sicherheit!“

Interview mit Burkhard Gerkens, Referent Ältere Verkehrsteilnehmer, Deutscher Verkehrssicherheitsrat (DVR), Bonn

Seit dem Ausparkunfall, bei dem am Dienstag in Baden-Württemberg ein 88-Jähriger eine fünffache Mutter tödlich verletzte, kochen die Emotionen wieder hoch. Wie gefährlich sind Senioren am Steuer?
Diese spektakulären Unfälle sind Einzelfälle, die unbestreitbar äußerst tragisch sind. Insgesamt sind ältere Menschen aber eher gefährdet als gefährlich. Inzwischen sind über 20 Prozent der Bundesbürger über 65 Jahre alt. In der Unfallstatistik ist diese Altersgruppe allerdings nur mit rund elf Prozent vertreten, also deutlich unter dem Durchschnitt. Ein großer Teil dieser Unfälle ereilt die Senioren nicht als Pkw-Fahrer, sondern als Fußgänger oder Radfahrer. Wenn Senioren aber in Unfälle verwickelt sind, tragen sie selber ein viel höheres Risiko, schwer oder tödlich verletzt zu werden als Jüngere.

Sind Pflichtuntersuchungen für ältere Autofahrer ein geeignetes Mittel, um „Risikofahrer“ zu identifizieren?
Erfahrungen aus dem europäischen Ausland zeigen, dass Pflichtuntersuchungen für ältere Fahrer keinen positiven Effekt für die Verkehrssicherheit haben. Fahrerfahrung und Gesundheit sind für sicheres Fahren viel eher von Bedeutung als das Alter. Beides variiert besonders in dieser Altersgruppe, sodass auch ein einheitliches Eingangsalter für solche Untersuchungen kaum festzulegen wäre.

Welche Maßnahmen sorgen dann für mehr Sicherheit am Steuer?
Was die Fahrer angeht, setzen wir auf freiwillige Maßnahmen, die wir durch Information und Aufklärung erreichen wollen. Zum Beispiel durch Veranstaltungen im Rahmen des DVR-Zielgruppenprogramms „sicher mobil“ für ältere Verkehrsteilnehmer, die von Automobilclubs, Verkehrswachten und weiteren Umsetzern angeboten werden. Auch die „Aktion Schulterblick“ klärt die älteren Fahrer über gesundheitliche Risiken auf und ermuntert zu freiwilligen ärztlichen Gesundheitschecks.
Ebenfalls zu mehr Sicherheit am Steuer können aber auch moderne Assistenzsysteme im Pkw beitragen, wie zum Beispiel Notbremsassistent oder Spurhaltesysteme.

Gibt es Erkenntnisse, inwieweit das Thema „Fahrtüchtigkeit“ bei routinemäßigen Arztbesuchen von Senioren zur Sprache kommt?
Ja, es gibt eine Befragung von Ärzten und älteren Patienten, die der DVR bei Forsa in Auftrag gegeben hat. Danach haben nur zehn Prozent der Befragten angegeben, dass sie ihren Arzt bereits einmal darauf angesprochen haben, ob sich ihr Gesundheitszustand auf die Fahrtüchtigkeit auswirkt. Und nur vier Prozent der befragten Ärzten gaben an, einen Patienten bereits einmal darauf hingewiesen zu haben, dass dessen Fahrtüchtigkeit eventuell eingeschränkt sein könnte.
Es gibt also noch viel zu tun, dieses Problem ins Bewusstsein der Betroffenen zu rücken.

Und wenn es wirklich Zeit ist umzusteigen – wie bleiben ältere Menschen auch ohne eigenes Auto möglichst mobil?
Sicher ist es sinnvoll, sich schon vor dem Verzicht auf das eigene Auto mit den regionalen beziehungsweise örtlichen Bedingungen des öffentlichen Personennahverkehrs auseinanderzusetzen. Viele Verkehrsbetriebe größerer Städte bieten hierzu Informationen speziell für Senioren an.
Auch sollte jeder für sich einmal ausrechnen, wie viel Geld er einspart, wenn er auf das eigene Auto verzichtet, um diesen Betrag als Reserve zum Beispiel für Taxifahrten im Geldbeutel zu behalten.
Man sollte sich ebenfalls nicht genieren, Familienmitglieder, Freunde und Bekannte um eine Mitfahrgelegenheit zu bitten. Wenn man das nicht überstrapaziert, wird diese Hilfestellung in aller Regel gerne geleistet.

Im Alter sicher mobil: Informationen im Internet

Informationen für ältere Autofahrer
Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) macht mit der „Aktion Schulterblick“ auf die Notwendigkeit freiwilliger Gesundheitschecks aufmerksam. Interessierte finden auf der Kampagnenseite www.dvr.de/schulterblick unter anderem die Informationsbroschüre „Fit und Auto-mobil“ zu Mobilität im Alter als kostenfreien Download, einen Online-Selbsttest zur eigenen Fahrfitness sowie Tipps zum Umgang mit Medikamenten.

Anbieter von Fahrsicherheitstrainings
Der DVR stellt unter www.dvr.de/sht Listen mit Anbietern von Fahrsicherheitstrainings bereit, die über das DVR-Qualitätssiegel verfügen oder die DVR-Richtlinien einhalten. Über die Postleitzahlensuche kann bundesweit nach einem Anbieter in der Nähe gesucht werden.

Begutachtungsstellen für Fahreignung
Die „Begutachtungsstellen für Fahreignung“ finden sich auf der Webseite der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) unter www.bast.de, und hier unter den Menüpunkten „Qualitätsbewertung“ und „Begutachtung“.

Die Experten am Lesertelefon im Überblick:

  • Tatjana Contzen; VK VerkehrsKolleg GmbH, Leverkusen
  • Burkhard Gerkens; Referent Ältere Verkehrsteilnehmer Deutscher Verkehrssicherheitsrat (DVR), Bonn
  • Dr. Hardy Holte; Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt), Bergisch Gladbach


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