„Zum Kindersitzkauf Kind und Auto mitnehmen!“

Expertentipps rund um die Kindersicherung im Auto

Bonn, 12. Juni 2015 (DVR) – Beim alljährlichen Kindersitz-Test von ADAC und Stiftung Warentest fielen von 23 getesteten Sitzen vier glatt mit „Mangelhaft“ durch, keiner bekam die Bestnote „Sehr gut“. Immerhin schnitten 14 Sitze mit „Gut“ ab – es gibt im Handel also durchaus empfehlenswerte Sitze. Doch die Entscheidung für ein Modell hängt nicht allein von Testergebnissen ab. Denn nicht jeder Sitz passt zu jedem Auto. Zudem gelten aktuell zwei ECE-Richtlinien für Kindersitze. Aber welche ist relevant? Wie Eltern den richtigen Sitz für ihr Kind – und ihr Auto – finden, darüber informierten Experten des ADAC und des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR) am Lesertelefon. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten zum Nachlesen:

Was ist besser: Kind in Fahrtrichtung oder entgegen der Fahrtrichtung?
Hubert Paulus, ADAC
: Für kleine Kinder bis etwa drei Jahre ist die rückwärtsgerichtete Beförderung sicherer, weil beim Frontalunfall das Kind breitflächig in die Kindersitzschale gedrückt wird. Das reduziert die Belastungen insbesondere an der Halswirbelsäule.

Wann ist der Wechsel in die nächstgrößere Sitzklasse notwendig?
Andreas Bergmeier, DVR: Bei Babyschalen, also Gruppe 0/0+, gilt: Wenn der Kopf über den Rand der Schale ragt, muss in die nächstgrößere Gruppe gewechselt werden. Sind die Beine der Kinder schon so lang, dass sie über die Schale ragen, ist das hingegen unerheblich. Der Wechsel von Gruppe I in die höhere Gruppe II/III ist fällig, wenn der Kopf mehr als circa zwei Zentimeter über den oberen Rand des Kindersitzes hinausragt.

Was versteht man unter einem „i-Size-Sitz“?
Günter Trunz, ADAC: Dabei handelt es sich um eine neue Norm, die aus der Isofix-Befestigung weiterentwickelt wurde. Der Sitz ist auch hier direkt mit dem Chassis des Autos verbunden. Bei i-Size haben sich Fahrzeug-und Kindersitzhersteller erstmals auf eine gemeinsame Norm verständigt. Das bedeutet: Entspricht ein Auto der i-Size-Norm, passt der Sitz perfekt, egal von welchem Hersteller.

Welche Prüfnorm muss ein Sitz denn nun erfüllen?
Hubert Paulus: Die aktuellen Prüfnormen sind ECE-R 44/04 und ECE-R129, die sogenannte i-Size-Norm. Es dürfen aber auch noch Kindersitze verwendet werden, die die ECE-R 44/03 aufweisen.

Bieten dann nur i-Size-Sitze die optimale Sicherheit?
Andreas Bergmeier
: Nein, auch Sitze nach ECE-R 44/04 bieten Kindern eine sehr gute Sicherheit – ein gutes Testergebnis vorausgesetzt.

Was ist ausschlaggebend: Körpergröße oder Gewicht des Kindes?
Günter Trunz: Bei den Sitzen nach ECE-R 44/03 und 04 ist das Körpergewicht entscheidend. Bei i-Size-Sitzen ist allein die Körpergröße ausschlaggebend. Die Größenangabe ist je nach Hersteller verschieden und wird auf dem i-Size-Sitz angegeben.

Ab wann darf ich ein Kind ohne Kindersitz befördern?
Andreas Bergmeier
: Das ist klar gesetzlich geregelt: Bis zum zwölften Geburtstag oder bis zur Körpergröße von 150 Zentimetern muss ein geeignetes Kinderrückhaltesystem verwendet werden. Ist Ihr Kind erst elf Jahre alt, aber schon 155 Zentimeter groß, darf es ohne Kindersitz mitfahren.

Neue Kindersitze können ganz schön teuer sein. Was ist vom Kauf eines Gebrauchten zu halten?
Andreas Bergmeier
: Einen gebrauchten Sitz sollten Sie nur kaufen, wenn Sie sicher wissen, dass er nicht beschädigt ist und keinen Unfall hinter sich hat. Er muss zudem der ECE-R 44/03 oder 04 entsprechen. Sitze, die nur die ECE-R 44/02 erfüllen oder noch älter sind, dürfen nicht mehr verwendet werden.

Passt ein Isofix-Sitz auch in Autos ohne entsprechende Aufnahme am Fahrzeugsitz?
Günter Trunz
: Viele Isofix-Sitze sind auch für die Befestigung mit dem Dreipunkt-Gurt zugelassen. Das ist praktisch, wenn Sie den Sitz in mehreren Fahrzeugen verwenden. Sie sollten beim Kauf beide Einbauvarianten ausprobieren.

Gibt es Listen, welche Sitze für welches Auto geeignet sind?
Günter Trunz
: Bis mehr Fahrzeuge nach der neuen i-Size-Norm ausgestattet sind, wird noch einige Zeit vergehen. Die Kindersitzhersteller bieten für die Übergangszeit im Internet Informationen an, welche i-Size-Sitze in welchen Isofix-ausgestatteten Autos genutzt werden können. Umgekehrt erfährt man auch, ob ein Isofix-Sitz im i-Size-Auto verwendet werden kann.

Welche Fehler werden bei der Bedienung von Kindersitzen besonders häufig gemacht?
Andreas Bergmeier
: In den meisten Fällen wird der Gurt nicht richtig nachgezogen, nachdem er durch die Führungen am Kindersitz gefädelt wurde. Dann sitzt er zu locker - mit möglicherweise gravierenden Folgen. Auch die Fünfpunkt-Gurte, die im Sitz integriert sind, sind oft viel zu locker. Bei der Babyschale wird häufig statt des Schultergurts der Beckengurt um die Schale gelegt. Der mit Abstand häufigste Fehler ist jedoch, dass der Sitz eingebaut wird, ohne die Bedienungsanleitung gelesen zu haben.

Platziere ich eine Babyschale besser auf dem Beifahrersitz oder auf einem Rücksitz?
Hubert Paulus
: Nur wenn das Baby während der Fahrt unbedingt beobachtet werden muss, sollte es auf dem Beifahrersitz gesichert werden. Ganz wichtig: Schalten Sie auf jeden Fall den Beifahrerairbag ab, denn dieser kann für das Kind bei einem Unfall lebensgefährlich werden. Ansonsten empfehlen wir die Sicherung hinten rechts.

Sind Airbags vorne grundsätzlich abschaltbar?
Hubert Paulus
: In den meisten neueren Fahrzeugen ist der Beifahrerairbag abschaltbar. In älteren Modellen war der Schalter teilweise jedoch nur gegen Aufpreis erhältlich, weshalb er in Gebrauchten häufig fehlt. Prüfen Sie die Voraussetzungen anhand der Fahrzeugbedienungsanleitung und machen Sie sich am Fahrzeug mit den für die Deaktivierung notwendigen Schritten vertraut.

Worauf muss ich bei Verwendung eines Sitzerhöhers achten?
Günter Trunz
: Die wesentliche Funktion von Sitzerhöhern ist die Stabilisierung des Beckengurtes auf dem Hüftknochen des Kindes. Achten Sie deshalb darauf, dass der Sitzerhöher „Führungshörnchen“ hat und führen Sie den Gurt immer unter diesen hindurch. Übrigens: Sitzerhöher mit Rückenteil bieten zusätzlichen Schutz für den Seitenaufprall.

Mein Kind schläft während der Fahrt häufig ein und dann kippt der Kopf nach vorne oder zur Seite. Was kann ich dagegen tun?
Hubert Paulus
: Der ADAC empfiehlt in einem solchen Fall die Verwendung eines speziellen Schlafkissens, wie es beispielsweise von Sandini angeboten wird. Die Kissen werden vorne mit einem Klettverschluss zusammengehalten und mithilfe eines Gegengewichts in der optimalen Position fixiert. Übrigens: Bei einigen Fahrzeugen lässt sich auch die Neigung der Rückenlehne flacher stellen. Das ist zwar gut fürs Schlafen, kann allerdings bei einem Unfall zu höheren Belastungen führen.

Wie aussagekräftig sind die Testergebnisse?
Hubert Paulus
: Die Anforderungen der Verbraucherschutz-Tests liegen deutlich über den gesetzlichen Mindestanforderungen. Deshalb sind sie für eine Produktauswahl sehr wichtig. Aber auch mit einem guten Resultat sollten Kindersitze vor dem Kauf ausprobiert werden. Nicht jeder Kindersitz passt gleich gut in jedes Auto.

Wo kann ich ausprobieren, welcher Sitz gut zu Kind und Auto passt?
Andreas Bergmeier
: Wenn Sie nicht die Katze im Sack kaufen wollen, nehmen Sie Kind und Auto mit zum Fachhändler. Probieren Sie an Ort und Stelle aus, wie gut sich der Sitz einbauen lässt und ob Ihr Kind sich darin wohlfühlt. Bedenken Sie, dass der Sitz vielleicht auch im Zweitwagen oder im Auto der Großeltern eingesetzt werden soll.

ADAC-Kindersitztest 2015

Die Ergebnisse des aktuellen Kindersitztests hat der ADAC auf seiner Webseite www.adac.de unter der Rubrik Info, Test & Rat zusammengestellt. Antworten auf wichtige Fragen rund um das Thema Kindersitz liefert der ADAC-Kindersitz-Berater unter der Rubrik Ratgeber Verkehr/Kindersicherheit.

Die Experten am Lesertelefon waren:

•    Andreas Bergmeier; Referat Kinder und Jugendliche, Deutscher Verkehrssicherheitsrat (DVR), Bonn
•    Günter Trunz; ADAC-Verkehrssicherheitsexperte, Dortmund
•    Hubert Paulus; Dipl.-Ing. für Fahrzeugtechnik, ADAC-Technikzentrum Landsberg am Lech

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