„Wer Rad fahren kann, kann auch Pedelec fahren“

Technik, Fahrsicherheit, Verkehrsregeln – Sicher unterwegs mit Pedelec & Co.

Bonn, 10. März 2017 (DVR) – 200 Jahre nach Erfindung des Fahrrads erobert mit dem Pedelec eine neue Fahrradgeneration Radwege, Innenstädte und Tourismusziele. Pendler nutzen den elektrischen Rückenwind ebenso wie Radreisende oder Senioren, die dank eines Pedelecs das Radfahren wiederentdecken. Doch Pedelecs unterscheiden sich von herkömmlichen Fahrrädern in Technik, Gewicht und Geschwindigkeit und bringen so besondere Anforderungen an die Sicherheit mit sich. Rechtzeitig zu Beginn der diesjährigen Fahrradsaison gaben Experten am Lesertelefon des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) wertvolle Tipps zur Anschaffung und zum sicheren Fahren mit dem Pedelec. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten:

25 Kilogramm oder mehr – ich habe Angst, dass ich mit dem Gewicht eines Pedelecs überfordert bin….
Welf Stankowitz, Deutscher Verkehrssicherheitsrat (DVR):
Das Gewicht spielt vor allem dann eine große Rolle, wenn Sie das Rad tragen müssen, zum Beispiel im Treppenhaus. Dann kann eine sogenannte Schiebehilfe unterstützen, die sie auf Knopfdruck am Lenker aktivieren. Rollt das Rad, spüren Sie das höhere Gewicht in der Fahrdynamik, das heißt in Kurven und beim Bremsen. Besonders wichtig ist es deshalb, das Fahren mit dem Pedelec zu üben und dass es mit sehr guten Bremsen ausgestattet ist.

Muss man Pedelecfahren lernen?
Gunnar Fehlau, pressedienst-fahrrad:
Wer Rad fahren kann, der kann auch Pedelec fahren. Der entscheidende Unterschied: Mit dem Fahrrad fahre ich oft so schnell ich kann – mit dem Pedelec kann ich durchaus schneller fahren, als meine Kraft es erlaubt. Das erfordert Augenmaß in Situationen, in denen schnelles Fahren nicht angemessen ist. Besonders wer länger nicht Rad gefahren ist und mit dem Pedelec wieder einsteigt, sollte über ein Fahrsicherheits-Training nachdenken.

Darf ich mit dem Pedelec auf dem Radweg fahren?
Roland Huhn, Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club (ADFC):
Ja, das Pedelec gilt als Fahrrad – mit allen Rechten und Pflichten für den Fahrer. Das schließt die Radwegnutzung ein.

Ich begleite oft meinen Enkel mit dem Pedelec zur Schule. Darf ich mit ihm auf dem Gehweg fahren?
Roland Huhn:
Das kommt in erster Linie auf das Alter Ihres Enkels an: Bis zu seinem achten Geburtstag dürfen Sie ihn auf dem Gehweg begleiten. Ist Ihr Enkel älter, müssen Sie auf der Straße oder dem Radweg fahren. Ab dem zehnten Geburtstag darf auch Ihr Enkel nicht mehr auf dem Gehweg fahren. Übrigens gilt diese Regelung nur, wenn Sie kein S-Pedelec fahren.

Was bedeutet das Verkehrsschild „E-Bikes frei“?
Roland Huhn:
Das Zusatzschild gibt innerorts einen Radweg für elektrische Zweiräder frei, die auch ohne Mittreten 25 km/h erreichen. Es bezieht sich nicht auf Pedelecs, denn diese dürfen den Radweg ohnehin nutzen – und auch nicht auf S-Pedelecs, weil ihr Motor auch bei mehr als 25 km/h unterstützt.

Gilt für Pedelec-Fahrer eine Helmpflicht?
Welf Stankowitz:
Es existiert keine gesetzliche Helmpflicht für Pedelecs, denn sie sind rechtlich dem Fahrrad gleichgestellt. Allerdings ist das Tragen eines Helms – wie beim Fahrrad auch – sehr zu empfehlen. Der Grund: Die meisten schwerwiegenden Verletzungen, die Radfahrer bei einem Sturz erleiden, sind Kopfverletzungen. Das gilt nach Erkenntnissen der Unfallforschung vor allem für ältere Radfahrer. Auf dem S-Pedelec ist das Tragen eines Schutzhelms ohnehin Pflicht.

Ich bin seit über 15 Jahren nicht Rad gefahren. Gibt es Pedelecs, die besonders für „Wiedereinsteiger“ geeignet sind?
Gunnar Fehlau:
Es geht weniger darum, mit welchem Rad Sie wieder einsteigen. Wichtiger ist es, dass Sie sich mit dem Pedelec vertraut machen und sicher umgehen können. Mein Tipp: Fahren Sie zu Beginn mit geringer Motorunterstützung, üben Sie auf einem leeren Parkplatz das Bremsen, Schalten, Anfahren und Kurven fahren. Und lassen Sie das Rad perfekt vom Fachhändler auf Ihre Körpergröße einstellen.

Scheibenbremsen oder Felgenbremsen – was ist besser?
Gunnar Fehlau:
Grundsätzlich ist die Scheibenbremse der Felgenbremse in jeder Hinsicht überlegen. Manchem macht allerdings die enorme Bremskraft Sorgen – Stichwort „Blockieren“. Doch Scheibenbremsen lassen sich in der Regel sehr gut dosieren und man gewöhnt sich schnell an die Sicherheitsreserve. Einzig im unteren Preissegment sollte man einer guten Felgenbremse unter Umständen den Vorzug vor einer billigen Scheibenbremse geben.

Bei manchen Pedelecs ist der Akku am Gepäckträger, bei anderen im Rahmen – wo liegt der Unterschied?
Welf Stankowitz:
Technisch besteht zwischen beiden Lösungen kein Unterschied, wohl aber in puncto Fahrsicherheit. Befindet sich der Akku möglichst tief und in der Mitte des Fahrrads, sorgt das für einen günstigen Schwerpunkt. Gepäckträgerakkus hingegen verlagern den Schwerpunkt weit nach hinten oben und machen das Rad weniger gut kontrollierbar, es kann vorne leichter wegrutschen.

Wo liegt der Unterschied zwischen Mittelmotor und Nabenmotor?
Gunnar Fehlau:
Die Mehrheit aller verkauften Pedelecs hat einen Mittelmotor – und das liegt an seinen fahrdynamischen Eigenschaften. Der Schwerpunkt liegt günstig, das Fahrverhalten ist ausgewogener und das Rad lässt sich besser tragen.

Worauf muss ich beim Umgang mit dem Akku achten?
Welf Stankowitz:
Die Hersteller von Pedelec-Akkus sorgen mit technologischen Lösungen dafür, dass Akkus sehr sicher sind – vorausgesetzt, der Nutzer hält sich an die Bedienungsanleitung, in der der Ladevorgang genau beschrieben ist. Wir warnen ausdrücklich davor, Akkus und Ladegeräte unbekannter Herkunft zu verwenden oder den Akku in irgendeiner Form zu manipulieren. Nach einem Sturz sollten Akkus zudem unbedingt vom Fachhändler überprüft werden. Wenn möglich, laden Sie den Akku in einem trockenen Raum auf einer feuersicheren Unterlage.

Ich will ein Pedelec anschaffen und mit Packtaschen und Kindersitz ausrüsten. Gibt es da eigentlich eine Gewichtsbeschränkung?
Welf Stankowitz:
Die Pedelec-Norm geht von 120 Kilogramm Gesamtgewicht aus, also Fahrer plus Gepäck plus Rad. Das kann für schwergewichtige Fahrer oder für den Gepäcktransport zu wenig sein. Einige Hersteller legen ihre Modelle auch für ein höheres Gesamtgewicht aus. Die Angabe dazu findet sich in der Bedienungsanleitung oder auf einem Aufkleber am Rahmen.

Schadet es Akku und Motor, wenn ich mein Pedelec tune?
Roland Huhn:
Das ist gut möglich, aber in erster Linie schaden Sie sich selbst. Denn ein Elektrorad mit mehr als 250 Watt Dauerleistung oder einer Unterstützung oberhalb von 25 km/h ist ein Kleinkraftrad. Und das benötigt ein Versicherungskennzeichen. Ihre übliche Haftpflichtversicherung deckt angerichtete Schäden nicht ab. Außerdem ist ein Führerschein mindestens der Klasse AM erforderlich. Das Fahren ohne Versicherungsschutz oder Führerschein sind Straftaten. Was das Fahrzeug angeht, erlischt der Anspruch auf Garantie oder Gewährleistung. Motor und Akku werden stärker belastet, was ihre Lebensdauer verkürzen kann.

Was darf ich überhaupt selbst an meinem Pedelec verändern?
Gunnar Fehlau:
Pedelecs und E-Bikes sind technologisch komplexe und ausgereifte Fahrzeuge, die sich nur noch bedingt für Bastelarbeiten eignen. Technische Veränderungen sollten – wenn überhaupt – nur von geschulten Profis durchgeführt werden. Ein Beispiel: Selbst einen Lenker zu wechseln, erfordert mitunter den Einsatz eines Drehmomentschlüssels. Und wer hat den schon?


Pedelec oder E-Bike – was ist was?

Ein Fahrrad ist ein Fahrrad – aber wie nennt man ein Fahrrad mit elektrischem Antrieb? Die einen sprechen vom Pedelec, die anderen vom E-Bike. Wo liegt der Unterschied und was ist der zutreffende Begriff?

Das Wort Pedelec setzt sich zusammen aus den englischen Begriffen pedal, electric und cycle – wörtlich also pedal-elektrisches Fahrrad. Die Bezeichnung Pedelec wird vor allem in Fachkreisen und von öffentlichen Institutionen verwendet. Zudem werden Pedelecs noch nach Geschwindigkeit unterschieden: Beim Pedelec unterstützt der Motor bis 25 km/h, beim S-Pedelec bis 45 km/h. In der Umgangssprache hat sich allerdings das Wort E-Bike für alle Fahrräder mit Elektromotor durchgesetzt. Die Suchmaschine Google verzeichnet für die vergangenen zwölf Monate fast doppelt so viele Suchanfragen mit dem Begriff E-Bike im Vergleich zum Begriff Pedelec.

Laut Gesetzgeber ist ein E-Bike jedoch ein Fahrzeug, bei dem der Elektromotor auch dann bis 25 km/h unterstützt, wenn gar nicht getreten wird – also ein Leicht-Mofa. Das sorgt für Verwirrung, zumal es neuerdings ein Verkehrszeichen gibt, das Radwege innerorts für E-Bikes frei gibt. Außerorts dürfen diese E-Bikes schon seit Dezember 2016 alle Radwege benutzen. Für Pedelec-Fahrer gilt jedoch nach wie vor: Sie müssen auf dem Radweg fahren, wenn er benutzbar ist und ein blaues Radweg-Schild sie dazu verpflichtet. Auch sonst haben sie die Regeln für den Radverkehr zu beachten. S-Pedelecs hingegen dürfen überhaupt nicht auf Radwegen fahren.


Die Experten am Lesertelefon waren:

  • Roland Huhn; Rechtsreferent im Bundesverband des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs ADFC, Berlin
  • Gunnar Fehlau; Fachjournalist und Autor zahlreicher Fachbücher zum Thema Fahrrad, Geschäftsführer pressedienst-fahrrad (pd-f), Göttingen
  • Welf Stankowitz; Referatsleiter Fahrzeugtechnik beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR), Bonn

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